Laut ihren Verfassungen sind die reformierten
Kirchen der Verkündigung des Evangeliums gemäss den Heiligen Schriften
verpflichtet. In ihrem alltäglichen Engagement kämpfen sie mit dem Versuch,
diesen hohen Anspruch in Einklang zu bringen mit den Bedürfnissen ihrer
Mitglieder (und mit der Erwartung der liberalen Staatsmacht, dass sie zum
sozialen Zusammenhalt und zu einem vernünftig verantworteten Umgang mit dem
Religiösen beitragen).
Was heisst das in einer Zeit, in der
wegbricht, was sich nach dem 2. Weltkrieg als ein wie selbstverständlicher
«westlicher» Konsens etabliert hatte?
Bernhard Rothen war gegen den allgemeinen Trend mit vergleichsweise grossem
Erfolg vierzig Jahre als Pfarrer in drei Kantonalkirchen (BE, BS und AR)
engagiert. Er hat Bücher über herausragende Persönlichkeiten im Protestantismus
verfasst (Martin Luther, Karl Barth, Mani Matter, Niklaus von Flüe, Jakob
Künzler). Kritisch meint er konstatieren zu müssen, dass die akademische
evangelische Theologie zu den Denkvoraussetzungen des 19. Jahrhunderts
zurückgekehrt ist und dass die Kirchen das Gegenteil von dem tun, was sie tun
möchten und sollten: Mit einem immer dichteren Regelwerk binden sie
innovative und einsatzbereite Menschen zurück, statt den freien Wettbewerb
zwischen unterschiedlichen Überzeugungen zu fördern.